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Die Diskussion um die schulische Erziehung zeigt in der Nachkriegszeit Deutschlands ein Suchen nach einem angemessenen Bildungsbegriff. Kann man einen reinen Lernbegriff, das ist der Transfer von Wissen und Fähigkeiten auf den Schüler, ausspielen gegen einen Bildungsbegriff, der eine Bildung zur Persönlichkeit, Allgemeinbildung umfaßt? Die Waldorfpädagogik ist insofern modern, als sie einen differenzierten, ausgearbeiteten Begriff von Persönlichkeitsbildung, von Allgemeinbildung vorzuweisen hat; von diesem Bildungsbegriff aus wird der Lernbegriff definiert. Schulische Bildung muß sich primär am Bildungsbedürfnis des Kindes und Jugendlichen orientieren: Wenn man dem Jugendlichen zu sich selbst verhilft, wenn man ihm hilft, seine individuellen Fähigkeiten zu erschließen und auszubilden, sie mit Phantasie und Tatkraft zu handhaben, dann wird er seinen Weg in der Gesellschaft selbst finden können. Rudolf Steiner: "Wir haben nicht die Aufgabe, unserer heranwachsenden Generation Überzeugungen zu überliefern. Wir sollen sie dazu bringen, ihre eigene Urteilskraft, ihr eigenes Auffassungsvermögen zu gebrauchen. Sie soll lernen, mit offenen Augen in die Welt zu sehen...... Unsere Überzeugungen gelten nur für uns. Wir bringen sie der Jugend bei, um ihr zu sagen: So sehen wir die Welt an; seht ihr zu, wie sie sich euch darstellt. Fähigkeiten sollen wir wecken, nicht Überzeugungen überliefern. Nicht an unsere 'Wahrheiten' soll die Jugend glauben, sondern an unsere Persönlichkeit. Daß wir Suchende sind, sollen die Heranwachsenden bemerken. Und auf die Wege der Suchenden sollen wir sie bringen." |
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| Die 1919 begründete Rudolf Steiner-Schulbewegung (Waldorfschulen) gibt es weltweit: ca. 180 Schulen in Deutschland und ca. 620 weitere Schulen in mehr als 40 Ländern der Erde zeugen von ihrer Attraktivität: Kollegiale Selbstverwaltung, Jahrgangsklassen (kein Sitzenbleiben), Möglichkeit der Verknüpfung allgemeiner und beruflicher Bildung, Erlernen von zwei Fremdsprachen vom ersten Unterrichtstag an und andere Charakteristika haben manches, was jetzt als modern gilt, vorweggenommen. Die deutsche Waldorfschulbewegung hat momentan einen jährlichen Einstellungsbedarf von 500 Lehrern, so daß man als sichere Regel aufstellen kann: Wer ein Waldorflehrerseminar besucht, hat danach einen Arbeitsplatz, wenn er sich in ganz Deutschland bewirbt. | |
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Zeitgemäße Lehrerbildung |
"Das
wichtigste Curriculum des Lehrers ist seine eigene Person". Dieser bekannte
Ausspruch v. Hentigs gilt auch für die Waldorfpädagogik. Bildung
und Erziehung sind zuerst einmal ein soziales Geschehen zwischen
Lehrer und Kindern: Die achtjährige Bindung des Waldorf-Klassenlehrers
an seine Klasse, die Konstanz der Zusammensetzung der Klassen als Jahrgangsklassen
(kein Sitzenbleiben) ermöglichen, daß in den Waldorfschulen der
Klassenverband für die Kinder ein sozial tragender Grund wird, an dem
auch die Eltern in der Gemeinschaft einer sich selbst verwaltenden Schule
mitgestalten: Schule kann so heute eine bedeutende Funktion haben ? in einer
Zeit, in der die soziale Tragekraft anderer Institutionen (z.B. auch der
Ehe) schwindet. Hier ist der Lehrer Brennpunkt im sozialen Geschehen seiner
Klasse und überhaupt in der Schule. Ein Waldorflehrer braucht die Ausbildung
sozialer Fähigkeiten aber auch deshalb, weil er innerhalb der Sozialgestalt
einer von ihm mitgeleiteten und mitverwalteten Schule arbeitet. Bildung
kann man Kindern nur vermitteln, wenn man als Lehrer selbst von dem Kinde
als eine um fortwährende Bildung bemühte Person erlebt wird: Lehrerbildung
als Anleitung zur Selbstbildung.
Hier hat die intensive künstlerische Schulung eine bedeutende und wesentliche Funktion: aus der Alltagspersönlichkeit eine Lehrerpersönlichkeit herauszubilden. Die Waldorfpädagogik verspricht, daß der Unterricht eine Antwort sein soll auf das Entwicklungsbedürfnis des Kindes in der jeweiligen Klassenstufe: So muß der Lehrer geschult sein in der Betrachtung der Entwicklungsgeschichte des Kindes, überhaupt in pädagogischer Anthropologie. Im naturwissenschaftlichen Unterricht hat die Schule eine andere Funktion als die Universität: Sie muß heute Primärerfahrungen der Natur vermitteln, sie muß an der Natur ansetzen und nicht primär an der wissenschaftlichen Interpretation der Natur. So vermittelt ein Waldorflehrerseminar auch besondere Betrachtungsmethoden (z.B. Phänomenologie, physiognomisches Betrachten) im naturkundlichen Bereich. Es wird intensiv der Frage nachgegangen: Gibt es im schulischen Bildungsprozeß nicht nur ein zu speicherndes, sondern auch ein bildendes Wissen? |